Die Christengemeinschaft
Bewegung für religiöse Erneuerung

Brief an die Gemeinde

Karl Thylmann, 1888 - 1916    Le Christ marchant sur les eaux – 1915


Liebe Freunde der Christengemeinschaft in Graubünden

Vor einem Jahrhundert befand sich die Menschheit vor einer ganz eigenartigen Grenze, vor einer Schwelle: die der Schützengräben. Auf beiden Seiten standen sich Menschen gegenüber, zwischen ihnen die Erfahrung des Todes, den sie sich gegenseitig brachten. Durch die unsagbaren Gräuel, die grenzenlose Sinnlosigkeit, die unfassbare Bestialität des Krieges wurden Menschen jenseits der Schranken des Menschlichen, der menschlichen Werte geschleudert. Geschleudert wohin? In das Nichts hinein? [„Im Westen nichts Neues“, der Roman von Erich Maria Remarque steht da als Wegzeichen für die Banalität des Horrors.]

Für Manche jedoch, zahlreicher als man meinen würde, wurde die Schwelle Öffnung zu einer neuen Dimension, zu der Erfahrung der Möglichkeit einer neuen Menschheit und Menschlichkeit.

So Karl Thylmann, mit 28 Jahren gefallen an der Front in Verdun in der Blüte seines Alters und seiner Schaffenskraft, wie so viele Anderen aussergewöhnlich Begabten. Sein frühes und fruchtbares Lebenswerk ist der Zerstörung durch den Krieg abgerungen. Darunter zeugt das Bild Christus auf den Wellen einer neuen Christusgegenwart mitten in einer Welt des Todes. 

Leben und Tod, Tod um des Lebens willen, Tod als Durchgang zu neuem Leben, sind durchaus für uns heute ganz aktuelle Fragen. Grenzgänger sind wir heute alle. Werden unsere Grenzen zur Schwelle zu einem neuem Dasein?


Christus wandelt auf dem Wasser   Konstantin Alexejewitsch  Korowin (1861-1939)


Die zweite Darstellung des Christus auf dem Meer wandelnd, stammt von einem russischen Maler: Konstantin Alexejewitsch Korowin (1861-1939) Auch er lebte in jener turbulenten Zeit wie Karl Thylmann sowie auch Rudolf Steiner. Auch wenn diese Ereignisse vor 100 Jahren stattgefunden haben, erleben wir auch heute diese Grenzgänge in unserem eigenen Schicksalsweg, die uns an die Schwelle eines neuen Daseins führen. Es muss nicht der irdische Tod sein. Die Seele erlebt innerhalb eines irdischen Daseins mehrere solche Schwellenübergänge, denen eine lebensbedrohliche Existenzangst vorangeht. Blicke ich auf das stürmische Meer bleibt die Angst, schaue ich im Geiste aber auf das, was mich aus der Zukunft erwartet, stärkt es mein Vertrauen. So wird uns der Christus, der über das stürmische Meer wandelt zur vertrauensbildender Kraft, die in stürmischen Zeiten Brücken in die Zukunft baut.

Wir dürfen in unserer Gemeinde dieses Jahr wieder fünf wunderbare
junge Seelen zum Segen an die Konfirmation begleiten. Auch sie werden zu der Schwelle von der Kindheit zur Jugend geführt und damit zu einer ersten leisen Erfahrung der Schwelle des Todes, zu einem neuen Leben. An diese Sphäre führt das Konfirmandenlied  mit dem Novalistext:


Ich sag' es jedem, daß er lebt
Und auferstanden ist,
Daß er in unsrer Mitte schwebt
Und ewig bei uns ist.

Ich sag' es jedem, jeder sagt
Es seinen Freunden gleich,
Daß bald an allen Orten tagt
Das neue Himmelreich.

Er lebt, und wird nun bei uns seyn,
Wenn alles uns verläßt!
Und so soll dieser Tag uns seyn
Ein Weltverjüngungs-Fest.


In diesem Sinne wünschen wir Ihnen liebe Freunde 
ein gesegnetes neues  Weltverjüngung-Fest-Jahr
Ihre


Jean Nidecker und Marina Gschwind Grieder