Die Christengemeinschaft
Bewegung für religiöse Erneuerung

WAS WILL DIE CHRISTENGEMEINSCHAFT?


Eine Folge in täglich kurzen Abschnitten von lic. Emil Bock 1959 verfasst. 

28.Teil 18.3.18

"Was will die Christengemeinschaft?" Teil 28
DAS NEUE MENSCHENBILD
"Der Archimedische Punkt, um sich aus der Denkgewohnheit der materialistischen Weltanschauung herauszuwinden, ist der Mensch selber. Ja, wer ist denn der Mensch? Wer bin ich? Die Naturwissenschaft, die Biologie, die Psychologie usw., sie können uns vom Menschen nur das zeigen und verständlich machen, was a m Menschen ist, niemals d e n Menschen selbst. Wer der Mensch ist, das ist eine religiöse Frage, das haben die grossen deutschen Idealisten sehr wohl gewusst. Der Mensch in der Auseinandersetzung mit sich selbst kommt zunächst auf alles das, was er nicht ist, auf das Nicht-Ich; findet sich schliesslich vor einen Abgrund gestellt, bis er anfängt, sein geistiges Wesen zu erahnen, das aber nicht in der selben Weise greifbar ist wie sein leibliches Wesen. Fichte z.B. hat diesen Weg vom Nicht-Ich zum Ich-Bewusstsein zurückgelegt und sagt dann: «Ich bin unsterblich, unvergänglich, ewig, sobald ich den Entschluss fasse, dem Vernunftgesetz zu gehorchen; ich soll es nicht erst werden. Die übersinnliche Welt ist keine zukünftige Welt, sie ist gegenwärtig; sie kann in keinem Punkte des endlichen Daseins gegenwärtiger sein als in dem anderen; nach einem Dasein von Myriaden Lebenslängen nicht gegenwärtiger sein als in diesem Augenblicke...»" 


27. Teil 12.3.18

"Was will die Christengemeinschaft?"
"Man muss nicht ein solches religiöses Leben suchen, in dem man den fertigen Katechismus akzeptiert, sondern, wo man die Flügel regt und sich sagt: Welche unendlichen Tiefen birgt ein jedes Kapitel in den neutestamentlichen und auch in den alttestamentlichen Schriften! Welch unendliche Möglichkeiten hat der Menschengeist, sich da in Gebiete hineinzubegeben, die von der Seele erfahren und immer wieder erkannt werden können! Aber da handelt es sich natürlich nicht um eine Erkenntnis, die bloss kopfmässig vor sich geht, wenn gleichzeitig die Frömmigkeit gepflanzt und gepflegt wird im Garten des Kultischen, des Sakramentalen. Dann ist es nicht mehr der kalte Intellektualismus, der erkennt, sondern dann ist Denken Andacht geworden, und aus der Andacht fliesst fortwährend ein beglückendes, bereicherndes neues Erkennen, das man in aller Bescheidenheit wie die Morgenröte einer Erleuchtung empfinden darf. Das Herz denkt mit; die Alleinherrschaft des Kopfes ist abgetan."


26.Teil 3.3.18

"Was will die Christengemeinschaft?" Teil 26
"Da tut sich in der Christengemeinschaft ein reiches, freies Erkenntnisfeld auf. Was an beglückenden Ausblicken entsteht zu einem neuen Bibelverständnis, zu einem neuen Christusverständnis, das kann ich nur mehr bekenntnisartig sage, aber die Christengemeinschaft hat nun schon über drei Jahrzehnte in dieser Beglückung gelebt. Die Christengemeinschaft ist die erste Kirche, die grundsätzlich das Prinzip der Lehrfreiheit und der Bekenntnisfreiheit praktiziert. Da ist niemand, der in der Christengemeinschaft priesterlich mitarbeitet, auf ein Bekenntnis verpflichtet. Da wird auch kein Mitglied  einer Gemeinde auf ein Bekenntnis verpflichtet. Da werden auch die Konfirmanden nicht auf ein Bekenntnis verpflichtet. Aber es werden ihnen Möglichkeiten gegeben, ein ganzes Leben lang frisch und froh an der Erkenntnis fortzuschreiten, denn es handelt sich um lauter Geheimnisse, an denen man ein Leben lang weiter erkennen kann, und zum Ende kommt man nie. Aber es muss eben auch der Enthusiasmus und die Erkenntnisbereitschaft da sein."

25.Teil  27.2.18

"Was will die Christengemeinschaft?" 
"Wir gehen also in der Christengemeinschaft nicht, obwohl es die Anthroposophie gibt, auf eine Lehre aus, fordern nicht die Anerkennung irgendwelcher Glaubenssätze. Wir gehen auf Frömmigkeit aus. Aber wir streben als moderne Menschen nach Bewusstheit und stellen die Fragen, die im religiösen Erleben und Erfahren selbst enthalten sind. Wir wachsen hinein in diejenige Weltanschauung, die von einem echten christlich-religiösen Leben vorausgesetzt wird. Da handelt es sich nicht um eine bloss geglaubte, sondern um eine geahnte und immer deutlicher erkannte Wahrheit. Man kann viel mehr von den Welten über uns erkennen, als man zunächst meint. Man muss nur wirklich ein religiöses Leben pflegen, dann gewinnt man Erfahrungen auf diesem Felde. Der Mut dazu ist heute erforderlich."


24. Teil  24.2.18

"Was will die Christengemeinschaft?"
" Von Gott, Christus und Unsterblichkeit muss ich schließlich eine grössere Gewissheit haben als von den Dingen der Welt. Um es einmal grotesk zu sagen: Dass es Engel gibt, ist sicherer, als dass es die Atome Gibt. Manche werden sagen, dass es die Atome gibt ist doch selbstverständlich. Und doch ebensowenig wie der Mensch heute die Engel sehen kann, hat jemals ein Mensch ein Atom gesehen. Das Wort "Atom" ist die Bezeichnung für Erscheinungen, die man kennt, die man aber nicht versteht oder gar sieht, sondern die man nur so benennt. Damit ist nichts gegen Atomforschung gesagt, aber eine Gewissheit, die man da zu haben glaubt, weil man mit so grosser Sicherheit darüber spricht, ist nicht vorhanden. Mathematisch-physikalisch ist manches weit gediehen, weltanschaulich steht die ganze Atomtheorie auch den schwächsten Füssen."


22.und 23. Teil  21.02.18
"Was will die Christengemeinschaft?" 
"Die religiöse Sehnsucht, die im Menschen irgendwo noch da ist, stellt die Fragen. Und die Antwort kommt nicht von irgend jemand, sondern sie kommt aus der religiösen Erfahrung selbst. Man mache sich da nicht abhängig davon, ob es Leute gibt, die allein klug genug sind, solche Fragen zu beantworten. Die religiöse Praxis gibt die Antwort auf die Fragen, die die religiöse Sehnsucht stellt. Man kann dahin gelangen, wo man in das Antlitz dessen ahnend hinein schaut, zu dem man sich im Gebet wendet. Das Verhängnisvolle unserer Zeit ist nur, dass die Menschen das Fragen aufgegeben haben. Sie haben so viel in ihren Köpfen, dass sie gar nicht mehr dazu kommen, die entscheidenden Fragen zu stellen. Ja, wer nicht fragt, erhält auf diesem Felde keine Antwort. Der Tod der Frage ist der Tod der Kultur. 

Diejenigen Menschen, die nur Sehnsucht nach den äusseren Dingen haben, die sich dieser nie zu sättigenden Weltlust, dem Weltdurst hingeben, werden sich selbst verlieren. Sie sind keine Suchenden, sie sind Schweifende und das ist eine Krankheit, an der sogar die Besten der gegenwärtigen Kultur zugrunde zu gehen drohen. Die Sehnsucht nach einer anderen Schicht, die Sehnsucht nach dem Tieferen, sie beschränkt sich immer mehr auf einen zusammenschrumpfenden kreis von tieferen Naturen. Aber es muss wieder mehr religiös gefragt werden. Es muss mehr mit sehnsüchtiger Seele gefragt werden, dann findet der Mensch sich selbst.

Die Christengemeinschaft wendet sich nicht an diejenigen, die religiös versorgt sind. Wir möchten niemanden stören, der in einem bestimmten religiösen Zusammenhang steht und da seine Wege geht. Wir möchten mit der konsequentesten Toleranz jedes religiöse Bekenntnis und des religiöse Suchen, das auf festgelegten Wegen geht, bejahen. Aber die Christengemeinschaft möchte da sein für die heimatlosen, suchenden Seelen, die zunächst keinen Weg gefunden haben."

21. Teil 15.2.18

(Anmerkung der Administratorin:

LIEBE LESER, DEN HEUTIGEN BEITRAG WIRD TEILWEISE HERVORGEHOBEN, WEIL ER MICH FÜR DIE BEZIEHUNG CHRISTENGEMEINSCHAFT UND ANTHROPOSOPHIE SEHR WESENTLICH ERSCHEINT. 

"Was will die Christengemeinschaft?"
"Nun ist also in der Anthroposophie ein neues spirituelles Weltbild enthüllt. Aber das Verhältnis der Christengemeinschaft zu Anthroposophie ist nicht ein solches, als ob einfach diese neue Weltsicht übernommen werden müsse. Wir sind in der Christengemeinschaft vor der Weltgeschichte dankbar für die Lebensleistung Rudolf Steiners, aber wir haben zu Anthroposophie kein dogmatisches Verhältnis. Wir stehen dazu ganz frei, wie es Rudolf Steiner von seinen Schülern auch erwartete. Da nun einmal das Tor aufgetan, der Weg gebahnt ist, dürfen wir wieder den Mut haben mit dem Übersinnlichen zu rechnen. Dann entsteht ein Erkenntnis-Christentum, und daran kann jeder aktiv beteiligt sein, damit er soweit vordringt in einem ehrfurchtsvollen Erkennen der Welt, die wir nicht mit unseren Sinnen wahrnehmen, wie er eben vermag. Ein moderner Christ ist nicht der, der an irgendwelche Behauptungen über die übersinnliche Welt oder irgendeiner neueren Lehre glaubt, sondern der, der versucht zu erkennen und einzusehen, was sein eigene Erkenntniskraft hergibt."


20.Teil 14.2.18

"Was will die Christengemeinschaft?"
"Es ist in unserer Zeiten Pionierdienst getan, ein Durchbruch ist erzielt worden. Es gab wieder Seherschaft, aber nun nicht im Sinne eines visionären Sehertums, sondern in ganz klarer, denkerischer, an der Naturwissenschaft geschulter Form. Hier hat Rudolf Steiner die Bresche in die materialistische Weltanschauung gelegt und den Ausblick auf die übersinnlichen Weltbereiche wieder freigemacht. Nicht als Visionär, sondern so wie er es auch selber sagte, als Geistesforscher. Und die Geisteswissenschaft entstand nicht neben der Naturwissenschaft, sondern sie entstand so, dass sie überhaupt erst den Schlüssel liefert auch für die Rätsel der Naturwissenschaft."


19. Teil 12.2.2018

"Was will die Christengemeinschaft?"
"Aber was zeigt uns denn die moderne Naturwissenschaft? Sie zeigt uns den äusseren Bestand, sozusagen den Leib der Welt. Dem alten, noch mehr aus dem Schauen stammenden, etwas naiveren Weltbild war die Aussenseite des Daseins gar nicht so wichtig. Ihm war gerade wichtig der Blick auf das, was unsichtbar als seelisch-geistige Wesenheit den äusseren Weltenleib durchpulst hat.  
Was jetzt kommen muss, ist, dass der Blick der Menschheit ruhig weiter auf die äusseren Tatbestände, die die Naturwissenschaft untersucht, gerichtet bleibt, dass aber nun der Blick sich auch wieder richtet auf die Welt, die sich nicht auf den Experimentiertisch zerren lässt und die mit anderen Organen des Menschenwesens wahrgenommen werden muss. 
Wir müssen wieder zu den inneren Tatbeständen der Welt vordringen, und wenn man auch das Übersinnliche wieder zu erkennen anfängt, wird sich zeigen, dass plötzlich sich Rätsel lösen, die auf dem Felde der modernen Naturwissenschaft und Physik eben doch nicht gelöst werden können. Man wird die modernen Probleme der Naturwissenschaft und Technik nicht vom Sinnlichen, sondern eigentlich erst vom Übersinnlichen her lösen können. Das wird sich in kürzester Zeit zeigen. Manche Forscher sind schon dabei, die Wege zu dieser Einsicht zu finden . Der Geist der Natur wird einmal ein wichtiger Schlüssel für die Naturerkenntnis sein, wie das früher schon einmal war."


18. Teil  7.2.18

"Was will die Christengemeinschaft?"
"Einmal gab es Seher und Propheten. Dann gab es Forscher und Gelehrte, die nicht mehr Seher und Propheten waren. Ist denn da der Schluss berechtigt, dass es nie Seher und Propheten gegeben hat, und dass diejenigen, die man als solche angesehen hat, abergläubischen Täuschungen unterlegen seien? Diesen Fehler hat man gemacht. Die Naturwissenschaft hat einfach "vom Tisch heruntergewischt", ohne es vielleicht deutlich zu wollen, was früher für die Menschen Weltbild und Wirklichkeit gewesen ist. Es sei nicht eine Silbe gesagt, um der naturwissenschaftlichen Forschung ihr Recht zu schmälern. Wir können nur dankbar sein für die Leistungen der modernen Naturwissenschaft. Wir brauchen sie, wenn  auch zunächst einmal die Entwicklung in kritische Zweischneidigkeiten eingemündet ist. Aber was zeigt uns denn die Moderne Naturwissenschaft?" 



17. Teil 6.2.18

"Was will die Christengemeinschaft?" 
DIE GLAUBENSWAHRHEITEN DES CHRISTENTUMS KÖNNEN HEUTE DEM DENKEN ERSCHLOSSEN WERDEN.
"Damit sind wir in der Gegenwart angelangt. Ein Wiederaufstieg der Frömmigkeit gerade auf dem Boden des Christentums ist nur möglich, wenn es wiederum einen Einklang zwischen Religion und Weltanschauung gibt. Das bedeutet aber, dass in der Menschheit der Schritt getan werden muss zu einer neuen spirituellen Weltanschauung, d.h. zu einer solchen Weltanschauung, die nicht nur das Reich der Naturwissenschaften kennt, sondern die auch die übersinnlichen Daseinsbereiche mit umspannt. Muss denn das alte Weltbild, das in urchristlichen Zeiten noch lebendig war, falsch sein, weil die Naturwissenschaft recht hat?"



16. Teil 4.3.18

"Was will die Christengemeinschaft?" Teil 16
Dann gab es immer wieder Zeiten, in denen das alte Geistwissen durchbrechen wollte. Ich nenne Jacob Böhme, die schwäbischen Kirchenväter Bengel und Oetinger, die Pietisten, auch den schwäbischen Pietisten Michael Hahn und den Rheinländer Gerhard Tersteegen. Da wollte noch einmal etwas aus den tieferen Erkenntnisschichten an die Oberfläche, aber die kirchlichen Strömungen wandten sich dagegen. Bis dann schliesslich um die Jahrhundertwende herum, die liberale Theologie, die Bibelkritik den Ton angab, wodurch der Verstand das Recht bekam, auf dem ganzen Felde des religiösen Lebens sein Tut und Treiben ungehindert auszuüben."

15. Teil 3.2.18

"Was will die Christengemeinschaft ?" 
"Die Welt des Übersinnlichen kam nicht mehr deutlich in Betracht. Ob es nach dem Tode ein Leben gibt, ob es Erzengel, Cherubim und Seraphim gibt, das wusste man nicht mehr und meinte schließlich auch, man könne das nicht wissen. Die katholische Kirche hielt, obwohl ein neues Stadium angebrochen war, an den Gesetzmäßigkeiten des zweiten Stadiums fest, das auf de Unterscheidung von Dogma und Wissenschaft beruhte. Immerhin behielt die katholische Kirche den Kultus und hat damit das, was sie zusammenhielt. Der Protestantismus dagegen verlor den Kultus und geriet so unter die Gesetze des dritten Stadiums, in welchem sich alles fortwährend aufzulösen droht, wo man immer auf dem Sprunge ist, statt Religion Theologie zu treiben und eine Morallehre an der Stelle überbleibt, wo früher die Frömmigkeit der Mutterboden des Moralischen war."


14. Teil 31.1.18

"Was will die Christengemeinschaft?"
"Dann kam aber, als das Mittelalter zu Ende ging, mit dem grossen Freiheiheitssturm, der durch Mitteleuropa hindurchging in den Tagen der Reformation, ein drittes Stadium herauf. Der Glaube verliert seine Kraft mal will frei erkennen. Jetzt gibt es überall die Meinungsverschiedenheiten. Die Theologen diskutieren in einem Masse, wie das vorher nicht der Fall gewesen ist. Hat man doch kurze Zeit nach Luthers Tod erleben müssen, wie in Wittenberg Melanchthon als Ketzer erklärt wurde, und er selbst sass weinend unter der Kanzel, von der herab das Gericht sich über ihn entlud. Es war ein Zeitalter, in dem es immer mehr zu Alleinherrschaft des Verstandes kommen musste, weil es die Zeit war, in welcher die Naturwissenschaft geboren wurde. Wahr ist nur noch was, was wissenschaftlich beweisbar ist. Die Absolutheit des wissenschaftlichen Denkens wurde errichtet, wobei selbstverständlich das menschliche Forschen auf die Welt der Sinneswahrnehmung eingeschränkt wurde."

13. Teil  30.1.18

"Was will die Christengemeinschaft?" Teil "Daneben gab man das Feld der wissenschaftlichen Forschung dem menschlichen Denken frei. Der Zwiespalt zwischen Glauben und Wissen entstand. Die grossen Theologen auf der Höhe des Mittelalters wie Thomas von Aquino haben sich durch solche Begriffe geholfen, dass es Wahrheiten gibt, die aus der Offenbarung stammen und deshalb als Offenbarungserkenntnis angesprochen werden müssen, und daneben Venunftswahrheiten, die der Mensch mit seinen eigenen Gedanken erreicht. Es ist dies ein Art doppelte Buchführung, die zeitgeschichtlich unvermeidbar war."

12. Teil 28.1.18

"Was will die Christengemeinschaft?"  "Wenn Theologen anfangen zu diskutieren, hat es keinen Sinn zu fragen, wer recht hat, denn dann kann man wissen, dass sie allesamt unrecht haben, sonst brauchten sie nicht zu diskutieren. Die religiöse Diskussion, die heute natürlich nicht vermieden werden kann, ist immer ein Zeichen des Nicht-mehr-Wissens.– Später kamen sogar die Zeiten, als das Mittelalter allmählich zu Ende ging, wo man gedankliche Gottesbeweise suchte. Warum? Weil man von Gott nicht mehr unmittelbar wusste. Man wollte mit Gedankenkonstruktionen die Existenz Gottes beweisen, was selbstverständlich nicht zum Ziele führen konnte. In dieser zweiten Epoche musste sich die kirchliche Strömung dadurch helfen, das sie die christliche Wahrheit zum Dogma erklärte. Einst war sie aus dem lebendigen Offenbarungswissen hervorgegangen, jetzt musst sie zum Dogma erklärt und damit zur religiösen Regel gemacht werden."

11. Teil 26.1.18

"Was will die Christengemeinschaft?" Teil 11 "Es war ja das Weltbild der Bibel, das Weltbild in welchem es Engel und Erzengel gibt, wo es nicht einen leeren kalten Weltraum gibt, in den man Raketen hineinschiesst. Den Leib des Menschen wusste man mit Seele und Geist durchdrungen. Die übersinnliche Welt war aufgetan. Die biblischen Inhalte allesamt setzen diese spirituelle Zeiten der Gläubigkeit, der Frömmigkeit, der Glaubensvollmacht."

10. Teil 25.1.18

"Was will die Christengemeinschaft?" "Da liegen drei grosse Stadien hinter uns. In den Zeiten des Urchristentums gab es noch einen wunderbaren Einklang zwischen Religion und Weltanschauung. Da lebte noch die Weisheit, wie sie sich in den mythischen Strömungen der alten Welt geäussert hat. Da gab es noch das spirituelle Weltbild der griechischen Weisheitsschulen, in denen zuerst auch die christlichen Lehrer als Schüler geweilt haben. Und diese alte Weltanschauung konnte man mit Recht "Weltanschauung" nennen. Was man heute Weltanschauung nennt, hat mehr den Stil: "das ist meine persönliche Anschauung". Die Weltanschauung hat einmal ein Königtum in sich getragen, weil man früher schauend die Welt übersah, die Welt schauend zu verstehen trachtete. Und man verstand sie schauend, weil man in der irdischen Welt noch eine höhere Welt, eine Welt höheren Wesenheiten mit wahrnahm. Diese alte Weltanschauung kam dem Frühchristentum zugute."

VON DEN GRÜNDEN DES NIEDERGANGS
Dann kam nach Ablauf der urchristlichen Jahrhunderte, als das Christentum zu Staatsreligion erklärt worden war, ein neues Stadium. Der Verstand erwacht. Das musste sein, aber es brachte das alte Weltbild ins Verdämmern. An den übersinnlichen Dingen fing man zu zweifeln an. Als man im 4. Jahrhundert auf dem Konzil zu Konstantinopel, das der Kaiser Konstantin der Grosse einberufen hatte, anfing zu diskutieren, wer Christus ist und ob er mehr Gott oder mehr Mensch ist, zeigte sich, dass man das, was man vorher anschauend gewusst hatte, nicht mehr wusste. Jetzt erlosch ein Licht. Der Mensch war immer mehr auf seinen Verstand angewiesen. Das Licht des Schauens leuchtete ihm nicht mehr."

9. Teil  23.1.18

" Was will die Christengemeinschaft?": Wie kam es eigentlich zu der geschilderten Ebbe der Frömmigkeit? Sie war in gewisser Weise eine weltgeschichtliche Notwendigkeit. Die Menschheit musste eine Bewusstseinsentwicklung durchmachen, die in ein immer grösseres, helleres Wachen und Erwachen hineinführte. Der Kopfmensch erwachte und entwickelte sich auf Kosten des Herzmenschen. Im Grunde liegt die Veranlassung für diese Frömmigkeitsebbe in dem Wandel der Weltanschauung."

8. Teil   16.1.18 
"Wir sind uns bewusst, dass das zunächst nur im Kleinen und im Stillen geschehen kann: Geduldiges Pflanzen auf dem steinigen Grund unserer Zeit, mitten im modernen Leben und Denken. Nicht dass ein frommes Gesicht die Sache schon machen kann. Nein, gemeint ist die Frömmigkeit einer solchen Ruhe- und Halte-Kraft der Seele, die auch jederzeit mit Freude, Humor und Wagemut verbunden ist. Ein neues Herz-Menschentum braucht die moderne Welt, um wieder Seele zu bekommen."

7. Teil  5.1.18

 "ERSTER BLICK AUF DAS NEUE: 
So muss gesagt werden: zunächst ist das Erste und Wichtigste, was sich die Christengemeinschaft zum Ziele setzt, Frömmigkeit anzupflanzen. Pflanzstätten des Stillseins, der inneren Ruhe-Kraft, der Innerlichkeit sollen entstehen, Pflanzstätten, wo die Kunst des Betens neu erlernt und in die Welt eingebaut wird. Deswegen ist die Christengemeinschaft in die Welt getreten. Kultus und Sakrament sind das Herz des in der Christengemeinschaft gepflegten religiösen Lebens. Sie ist eine Schule der Andacht, eine solche der Sammlung, der wahren Einkehr, bei der das Herz spricht. Der Kopf braucht dabei nicht zu Schweigen."

6. Teil:  3.1.18

(Zuerst eine Anmerkung der Administratorin dieser Seite, Marina G.G.: Wer sich an dem Wort Frömmigkeit stösst, welches in unserer Zeit vielleicht befremdlich tönen mag, kann es auch durch "Wahrhaftig lebendige Verehrungskräfte, Ehrfurchtskräfte, Gebets-und Meditationskräfte" ersetzen. Die Begrifflichkeit muss heute manchmal neu gefasst werden, das setzt innere Beweglichkeit und auch neues Empfinden für gewisse Worte voraus.)

 "Wo stossen wir denn auf das Christentum [hier in Europa]? Ich meine nicht auf Mitglieder irgend einer Kirche, sondern wo stossen sie [die Strömungen vom Osten] auf die Gegenkraft auf die Substanz christlicher Frömmigkeit, die auch dann gilt, wenn gar nicht gesprochen oder gehandelt wird.[...] Man glaubt an die Atombombe, aber man ist weit davon entfernt, einen christlichen Glauben zu haben. Da wo wirklicher christlicher Glaube ist, hat die gegnerische Strömung bereits den Kampf verloren. [...] Es wäre auch vermessen bei dem Schwund der Substanz auf dem Frömmigkeitsfelde, heute schon wieder zu glauben."

5. Teil  29.12.17

"Nun kommen die Gefahren von aussen. Noch ist es nicht lange her, die Mission, die die christliche Botschaft nach Asien und Afrika trug, ganz im Vordergrund der zivilisatorischen und kulturellen Bemühungen stand. Heute ist es umgekehrt: indische mohammedanische, ja in politischer Form russisch-chinesische Strömungen wollen hier Mission treiben. Man sieht immer in diesen Strömungen, die sich da gegen Europa verbünden, politische Strömungen. In Wirklichkeit handelt es sich um geistige, und zwar um solche, die besser wissen, was sie wollen, als die Träger des Geisteslebens momentan in Europa es wissen. Und es ist eine Kurzsichtigkeit, wenn man meint, es genüge, diese hereindrängenden gegnerischen Strömungen als bloss politisch abzuwehren." (Das sagt E. Bock 1959!)

4. Teil 24.12.17

"Die Menschheit musste eine Entwicklung durchmachen, durch die schliesslich der heutige Zustand entstanden ist, das die Menschen mehr Kopf- als Herz-Menschen sind. Das war notwendig, weil die Menschheit in eine Bewusstseins- Entwicklung hinein musste, durch welche die Seele immer wacher und wacher wurde. Und der Schatten der Bewusstheit ist die Unrast und Leere der Seelen. In Bezug auf die Innerlichkeit, die Frömmigkeit, ist die Menschheit an einen Tiefpunkt, ja an einen Nullpunkt gekommen und hat sich damit, ohne es recht zu merken, an den Rand des Abgrundes vorgewagt." [...]

3. Teil  23.12.17

"Die verlorene Frömmigkeit": "Denken wir an die hohen Zeiten in der christlichen Geschichte. Was gab es für Wunder der Frömmigkeit in den frühchristlichen Jahrhunderten, in den ersten Zeiten des christlichen Mönchstum, in den Zeiten der Kreuzzüge, schliesslich auch noch, um wenigstens ein Beispiel aus späteren Jahrhunderten zu nennen, in den Anfängen des schwäbischen Pietismus. Wie war da die Seelen warm vor Frömmigkeit! Wie glühten sie, einbrannten sie im Feuer der Frömmigkeit! Wie kalt ist alles geworden! Aber gerade an diesen Hoch-Zeiten christlicher Frömmigkeit können wir sehen dass es nicht bloss die Schuld dieser oder jener Menschen ist, das die Frömmigkeit ihre Ebbe erfuhr. Jene besonderen Zeiten des christlichen Frommseins zehrte und gebeten von der Kindlichkeit, die die Menschheit von Natur noch hatte. Da waren die Seelen noch lockerer und offener. Indem die Kindlichkeit in der Menschheit verloren ging - und sie musste ja verloren gehen - , ging die Frömmigkeit mit verloren."

2. Teil: 22.12.17
Voraussetzung dafür, dass es ein echtes Christsein in der Menschheit gibt, ist Frömmigkeit. Wie steht es mit der Frömmigkeit heute? Wir leben in einem Zeitalter, in welchem die Frömmigkeit stirbt. Das ist nicht nur in den Kreisen der Fall, die den Kirchen entfremdet sind, dieses Ersterben der christlichen Frömmigkeit geht heute weit in das Kirchenvolk hinein. Kirchlichkeit ist noch längst nicht christliche Frömmigkeit. Die Zustände, in die der moderne Mensch hineingekommen ist, der Zustand der Zerstreuung, andererseits die vielen Verkrampfungen in der Seele, die nervöse Unruhe, die Oberflächlichkeit, alles Resultate der modernen Zivilisation, auf die wir doch so stolz sein dürfen, sie bringen die Frömmigkeit in der Seele zum verdorren. Eine nervöse Seele kann eigentlich nicht fromm sein. Eine oberflächliche Seele erst recht nicht. Der Mensch ist an die Peripherie des Lebens gedrängt. Er ist aus dem Mittelpunkt seinen Wesen herausgefallen. Er hat seine eigene Tiefe vergessen und verloren. So ist eine weltgeschichtliche Ebbe in der Geschichte der Frömmigkeit eingetreten. 
Es ist notwendig, dass dies einmal schonungslos eingesehen wird. 


1. Teil: 21.12.17
Das Christentum ist keine neue Lehre. Es ist auch kein neues Moralsystem. Es ist eine neue Kraft, die aus einer höheren Welt in unsere Welt hereinströmen möchte, dafür aber offene, fromme Menschenherzen braucht.