Die Christengemeinschaft
Bewegung für religiöse Erneuerung

B R I E F  A N  D I E  G E M E I N D E


„Enthülle, o du Erhalter der Welt, das wahre 

 

Antlitz der Sonne, das gegenwärtig durch ein 
Gefäss von Goldlicht vor unsern Augen 
verborgen gehalten ist, damit wir sehen 
die Wahrheit, erkennen unsre ganze Pflicht!
Alles durchdringender Geist, der die sichtbare 
Sonne erleuchtet, bin auch ich der Art nach,
wenn auch auf unendlich ferner Stufe.
Möge zurückkehren meine Seele zum 
unsterblichen Geist! Möge zurückkehren 
mein Leib zum Staube!“
Christus, der SonnengeistWir stehen nicht am Ende des Christentums, sondern an seinem Anfang. Man hat den Eindruck, als sei das bisherige Christentum noch ein Monden-Christentum. Es ist wohl ein Licht in der Finsternis, aber es hat zu sehr das kühle, verstandeshafte, das im Dogma geborgte Licht. Wenn das Christentum nicht sonnenhaft wird, so verspielt es. Einen strahlenden Sonnencharakter muss es annehmen. Die sterbende Sonne, die strahlende Sonne, die schen-kende Sonne – sie deuten auf Tod, Himmelfahrt und Abendmahl Christi. 
[…] Das Abendmahl war ja längst vor dem Christentum da: als Sonnenopfer, als Sonnenfeier, als Sonnenkommunion. 
Brot und Wein wurden als Gaben der Sonne betrachtet; beide sind golden. Wenn die Sonne auf die Erde käme, müsste sie sich erkennen in Brot und Wein: Das sind meine Kinder, verkannt, verdunkelt wohl, aber meines Wesens sind sie, schenkend, stärkend. Die Sonne müsste sie wieder an sich nehmen. Und was tut Christus? Er spricht: Ich bin das Brot! Ich bin der Wein!
Je mehr die Menschen sich entwickeln, um so mehr werden sie empfinden: Andre Kräfte wirken in dem mit einem göttlichen Wort gesegneten Brot, andre Kräfte leben in dem mit gleichschwingenden Menschen eingenommenen Mahl. Wie die Menschen heute essen, empfinden sie gar nicht das Wohltuende des Brotes, das Freudebringende des Saftes der Traube. Heute ist man auf der Suche des Geheimnisses der Materie. Früher hat man sie nur als groben Stoff angesehen; jetzt spricht man schon von Wel-lenbündeln. So kommt man zwar noch nicht zum Geist, aber eine Erschütterung der alten Anschauun-gen, eine Wegbereitung ist es doch. Dringt man in die Tiefe der Materie, dann löst sie sich auf und man stösst in den Geist hinein. Dann sind da Wellen, Strömungen, Strahlungen, Kräfte, Gesetze. –
Christus ist dasselbe geistig, was die Sonne physisch ist … Zu einer neuen Christlichkeit gehört dreierlei: Ein Zusammenhang zwischen Natur und Geist, eine allumfassende grosse religiöse Anschauung, ein an-deres Heimatgefühl auf der Erde. „Christus ist das Heimatlichste der Welt. Selig, wer dies versteht“ – sagt Michael Bauer. Das heimliche Licht muss man suchen in den Worten Christi. Sie sind gewoben aus Sonnenstrahlen, verdichtete Sonnenstrahlen sind sie. So schauen wir seine Lichtglorie. Und durch dieses Schauen können wir dann die Sonne hineinweben lernen in die eignen Worte und Taten. Nun blicken wir wieder hin auf jenes indische Gebet … : „Enthülle uns das wahre Antlitz der Sonne … damit wir schauen die Wahrheit, erkennen unsere ganze Bestimmung!“ Ist das noch Heidentum? Vor-Christentum ist es. Von da aus kann man unmittelbar eingehen in Christus. Wenn wir nicht mehr wan-deln in der Finsternis, dann schauen wir die Wahr-heit. Wenn wir das Licht des Lebens haben, dann erkennen wir unsere ganze Bestimmung. „Das wah-re Antlitz der Sonne“ wurde uns enthüllt, nach tau-sendjährigen Bitten. Es enthüllte sich selbst, als Christus sprach: Ich bin das Licht der Welt! – 
In herzlicher Verbundenheit Ihre Marina Gschwind Grieder und Jean Nidecker
Friedrich Rittelmeyer(aus: Die Christengemeinschaft, 
Juli/August 1939)