Die Christengemeinschaft
Bewegung für religiöse Erneuerung

Der Schatz zu Füßen des Regenbogens
Zum Werden der Christengemeinschaft in Polen

Ein Regenbogen tritt unvermittelt auf, wenn es regnet und zugleich die Sonne scheint, er kann aber ebenso so schnell wieder verschwinden. Manchmal reicht die Zeit nicht, den Farbenbogen einem Kind zu zeigen, mit dem man unterwegs ist. Wenn er länger stehen bleibt, rennt das Kind vielleicht dorthin, wo die Farben die Erde berühren, weil man ihm gesagt hat, dass da ein Schatz begraben liegt. Wir Erwachsene meinen zu wissen, dass man nie dahin kommt, denn die Farbenbögen fliehen uns und verblassen, je näher wir an den Anfang oder ans Ende des Bogens kommen. Dem Kind lassen wir die Freude des Versuchs, dorthin zu gelangen. Irgendwann wird das älter werdende Kind gewahr, dass es mittendrin stehen kann – da, wo vor wenigen Augenblicken der Bogen noch sichtbar war, wo es jetzt von Farben umgeben ist, sie aber nicht mehr sehen kann. An diesem geheimnisvollen Farben-Ort liegt in Wirklichkeit der Schatz.

Die Geschichte der Christengemeinschaft in Polen ist das Abbild eines immer neu sich spannenden Regenbogens, zwischen dem deutschsprachigen Westen und dem weiten, großen, slawisch sprechen-den Osten Polens. Der allererste Regenbogen wurde 1967 mit einer Menschenweihehandlung in War-schau im Atelier einer Künstlerin gespannt. In den 1990er Jahren spannte er sich sich häufiger über das Land, vom Südwesten in den mittleren Osten, dann vom Norden in den Südosten, bis er sich vor wenigen Jahren in der Mitte des Landes einpendelte und da stehen blieb. Immer wenn der Farbenbo-gen da oder dort den Ort beleuchtete, versammelten sich die Menschen, um den Schatz zu finden. Sie kamen von allen Seiten, suchten und fanden ihn und wurden gewahr, dass sie am Altar stehen, mit-tendrin, da wo die Menschen mit Christus die Sonnenstrahlen bündeln und danach mit erfüllten Her-zen wieder hinaus ins Land gehen.
Und es kamen immer mehr Menschen, viele verschiedene Menschen, junge und alte. Sie kamen und gingen, und es schien, als wolle sich lange keine feste Gemeinde bilden. Und doch wuchs der verbor-gene Schatz unter dem Regenbogen, wie ein Same, der in diesem Land etwas länger brauchte, bis der Keim die Erde zum Licht hin durchbrechen konnte. Als das erste Blatt sichtbar wurde, geschah es: Plötzlich kamen Kinder dazu und es wurden immer mehr. Aus allen Teilen des Landes wollten sie konfirmiert werden. Mit und durch die Kinder blühte neues Leben einer werdenden Gemeinde auf.

Bekanntlich geht die Blüte der Frucht voraus. In der Blüte lebt die Gegenwart und die Frucht gehört der Zukunft. Joseph Beuys hat ein wesentliches Wort dazu geprägt, das immer wieder zum Nachden-ken anregt: „… aber die Ursache liegt in der Zukunft.“ Das Aufblühen in den letzten Jahren mit den Kindern zeigt nun erste Frucht:
Am 24.Oktober 2021 dürfen wir in Polen zum erste Mal in diesem Land eine Priesterweihe feiern. Drei Menschen haben den „Ruf“ gehört und an diesem Tag in der Michaelszeit werden sie zu Pries-tern geweiht. Wie zur Gründung der Christengemeinschaft vor 99 Jahren, werden von da an drei pol-nische Priester, Bürger im eigenen Land, die Zukunft der Christengemeinschaft in Polen bilden und gestalten.
Einen Trägerverein der Christengemeinschaft in Polen gibt es schon seit einigen Jahren. Wenn der Verein 100 Mitglieder aufzeigen kann, wird die Christengemeinschaft offiziell als Kirche anerkannt. Seit einem knappen Jahr konnte durch aktive Mitglieder ein Raum gefunden und gemietet werden. Mitten in Warschau dürfen sich die Menschen nun zusammenfinden, wo in ihrem eigenen Raum der Altar stehen bleibt. Ein neuer Ruhepunkt und Mittelpunkt.

Nun liegt ein großer zu bearbeitender Acker vor den neugeweihten Priestern. Sie werden jetzt schon mit viel Liebe von den Freunden und Mitgliedern umsorgt. Große Freude herrscht über das Land und unter den Menschen, die zum ersten Mal eine Priesterweihe erleben werden.
Erstmals in der Geschichte der Christengemeinschaft, werden die Priester in ihrem Umfeld mit ihren Familien und in ihren Berufen weiterhin leben und gemeinsam am Aufbau der Gemeinden arbeiten. Ein Wagnis, das sie aber nicht allein eingehen müssen, denn zu uns allen spricht aus dem Farbenbo-gen, der den Himmel umspannt, das Wort: „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ und „Siehe, ich mache alles neu!“
Wir wünschen den Neugeweihten den göttlichen Segen und die Kraft des Erzengels und Zeitgeistes Michael, der seit Beginn über die Entstehung der Christengemeinschaft in Polen wacht. Möge Micha-el weiterhin den unsichtbar-sichtbaren Bogen zwischen West und Ost immer neu spannen, damit wir im Westen Lebenden, über die Farbenbogen-Brücke, in der werdenden Gemeinde immer dabei sein dürfen.

Marina Gschwind-Grieder, Priesterin in der Schweiz und, gemeinsam mit Jarosław Rolka und Mi-chael Gerasch, in der priesterlichen Arbeit in den polnischen Gemeindeinitiativen tätig